1. Szene

Kaiphas, Josue und Amos kommen auf ihrem Spaziergang außerhalb der Stadt an einen einsamen Platz.

Josue:

Unsere Stadt ist zu klein geworden in diesen Tagen, zu eng für all die Tausend und abertausend, die zum Osterfeste kommen. Wenn man's bedenkt: in allen Provinzen, Dörfern und Städten sammeln sich die Pilger zur Wallfahrt nach Jerusalem. Klein sind oft die Scharen, die sich unterwegs vereinen, zum gewaltigen Menschenstrome werden, die die Straßen überflutet und seine Wellen bis in alle Häuser ergießt.

Kaiphas:

Ich sehe die vielen nicht - ich sehe nur den Einen.

Josue:

Und all das Reden und Schwätzen, Schreien und Rufen ist's nicht wie das Plätschern der Wellen, das Murmeln der See?

Amos:

Wir Priester werden einen schweren Stand haben. Vom Morgen bis zum Abend fließt das Blut der Opfertiere, steigt der Rauch zum Himmel auf. Von früh bis spät erklingt das Lied der Psalmen und Kaiphas wird durch sein glänzend Wort die Menge zu begeistern wissen.

Kaiphas:

O könnt ich ihn vernichten, von dem sie alle schwärmen.

Amos:

Wie wohl tut hier die Stille, wenn man dem Lärm der Stadt entflohen ist.

Kaiphas:

In der Stille. Weil ich's hier am besten kann bedenken, rast in mir der Sturm.

Josue:

Nun, geben wir es auf - in deine düstere Stimmung vermag keiner den Freudenstrahl des nahen Festes hineinzuzaubern und dich zu froher Laune umzustimmen.

Kaiphas:

Umstimmen? Ich würd euch zürnen, wenn ich wüßt, dass jeder, - auch ihr - derselben Ansicht ist, dass wir Pharisäer Ruhe dann erst haben und Frieden finden, wenn der andere nicht mehr ist.

Josue:

Dort, seht, es kommt jemand!

Amos:

Er scheint zu uns zu wollen.

Kaiphas:

Ein Bote wird es sein. Wo der andere ist - ich hasse den Namen, wie den, der ihn trägt - wo der Zimmermannssohn aus Nazareth ist, sind auch unsere Leute, die ihn auf Schritt und Tritt begleiten, seine Worte wägen und all sein Tun beobachten und ihm, wenn's geht, die Schlinge legen!

Josue:

Doch keiner zieht die Schlinge zu!

Amos:

Weil er noch nicht hineingetreten!

Nathan (ein Mitglied des Hohen Rates kommt):

Herr...

Josue:

Was gibt's? Dein Glück ist gemacht, wenn du uns seinen Tod kannst melden!

Nathan;

Herr, ich war - und mit mir noch andere - stets bei ihm, drängte mich durch die Menge seiner Hörer, stand vor ihm, hörte das Wort, sah alles, was er tat.

Kaiphas:

Und...?

Nathan:

Nichts, Herr, was dich freuen könnte. Wohin er ging, lief ihm das Volk nach. Die Leute brachten Kranke auf Bahren dorthin, wo sie von seinem Aufenthalt gehört. Und wo er nur ein Dorf, eine Stadt, ein Gehöft betrat, legte man die Kranken auf die freien Plätze mit der Bitte, wenigstens die Quaste seiner Kleider zu berühren.

Josue u. Amos:

Und... und...?

Nathan:

Alle, die es taten, wurden gleich gesund!

Mitglieder des Hohen Rates

Kaiphas:

Teufelswerk!

Nathan:

Alle lobten ihn und waren begeistert, riefen laut "Er macht alles gut. Die Tauben macht er hören, die Stummen lässt er reden, selbst Wind und See gehorchen ihm."

Amos:

Betrug und Spiegelfechterei!

 

(aus: Gerold Rosenthal; "Die Passion" Das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus)